28.08.2021 – Digitalisierung und die Zeit

Die zunehmende Digitalisierung drängt den Faktor Zeit gegen Null.
Nur die Sterblichkeit macht uns bewusst, dass der Faktor Zeit eine Konstante ist.

Michael Birrer

Die Zeit, zumindest mal in unserem Kontext, auf der Erde,
über eine Lebensspanne von einigen Jahrzehnten, können wir
als relativ konstant bezeichnen. Konstant ganz im Sinne dessen,
dass die Gleichung v=s/t => t=s/v  eingehalten ist.

Die Zeit ist mit all ihren physikalischen Eigenschaften hat auch
Einfluss auf unser Bewusstsein. So kann die Zeit pysische und
seelische Wunden heilen, sie kann vergessen lassen, sie gibt
Raum.

Die Digitalisierung, im Sinne, dass man zunehmendes Daten elektronisch
abspeichert, dass man Kommunikationswege verkürzt durch Videokonferenzen
oder Kommunikationsgeschwindigkeit durch Messengerdienste erhöht.
Auch die Reaktionszeit auf Nachrichten und Mitteilungen hat sich massiv
verändert. Kaum wird eine Mail nicht innert 4 Stunden beantwortet, folgt
bereits eine Whatsappnachricht, ob man die Mail gesehen hat.

Die Digitalisierung hat jedoch auch die Eigenschaft, dass Daten bzw.
Informationen jederzeit und schnell abgerufen und präsentiert
werden können. Präsentiert im Sinne des Wortes: Präsent gemacht
werden, also auch so ins Bewusstsein gerufen werden können.

Nun ein Beispiel:
Mein Grossvater, heute ein überdurchschnittlich alter Greis mit 60 Jahren, wurde
1625 geboren. Also in Mitten des dreissigjährigen Krieges (1618-1648). Als er
mit 17 Jahren meinen Vater bekam im Jahre 1642, war die Aussicht auf das
Ende des Krieges noch in weiter Ferne. Mein Urgrossvater, geboren 1600,
war ein eher ein Spätzünder, durfte jedoch seine Jugendjahre noch
kriegsfrei erleben. Mein Grossvater erzählt uns heute zwar bruchstückhaft
jedoch höchst belebend, die Geschichten die er von seinem Vater zu hören bekam,
wie die Zeit vor dem Ausbruch des Krieges war. Wie er zu Hause schuften musste,
seine erste grosse Liebe mit 15 Jahren, und wie er mit 18 in die Armee eingezogen
wurde. Auf einem Streifzug, fern ab der Heimat, lernte er dann in einem Lazaret
seine künftige Frau kennen. Gefärbt durch die Rosabrille, wirken die Geschichten
aus jener düsteren Zeit schon beinahe romantisch. 1624 konnte mein Urgrossvater
dann aus der Armee austreten und hat eine Mühle übernehmen können und kurz
darauf kam dann auch mein Grossvater im Jahre 1625 zur Welt. Bewusst wahrgenommen
hat mein Grossvater den andauernden Krieg erst mit gut 10 Jahren und hat so noch
nie im Frieden gelebt. Als er dann die Mühle seines Vaters 1640 übernehmen konnte,
war er 15 Jahre alt und zwei Jahre später erblickte mein Vater das Licht der Welt.
So kannte mein Grossvater den Frieden nur noch vom Hörensagen und erlebte diesen
dann, als sein Sohn gut 6 Jahre alt war. Mein Vater erzählte mir immer voller stolz,
wir befinden uns heute im Jahre 1702, wie er im letzten Jahrhundert und dazu noch
im Krieg geboren wurde, im Sinne von: Ich war im Krieg mit dabei.
Meine Kinder, um die Jahre 1690 geboren, beeindrucken diese tollkühnen Kriegsgeschichten,
doch sind wir mal ehrlich: Mein Vater hat den Krieg nie bewusst miterlebt.

Und so lässt die Zeit das Geschehene vergehen und verändert das was war,
mit jeder neuen Interpretation. Meine Grosskinder, und wir sprechen hier
von einem Zeitrahmen von gut 100 Jahren, werden einst ein völlig anderes
Bild des 30Jährigen Krieges haben, als wie es wirklich war.

Die Zeit, konstant und stetig lässt Geschehenes hinter sich.

Als zweites Beispiel, ein etwas unschöneres Kapitel des 20 Jh, jedoch wegweisend für die
“Elektronifizierung von Daten”, war der zweite Weltkrieg mit Fokus auf Hitler und den
Holocaust. Hitler wusste als einer der ersten Führer die Medien, vor allem
das aufkommende Fernsehen, das Radio und die Aufzeichnung dessen, sowie den
Buchdruck enorm gut zu nutzen. Was waren die Neuerungen zur Vergangenheit?

Die Informationen konnten A) sehr schnell verbreitet werden und B) konserviert und
jederzeit wiederholbar verfügbar gemacht werden.

So wundert es nicht, dass beispielsweise der Fernsehsender ARTE verhältnismässig
viele Dokumentationen zum Thema “Hitler” und “zweiter Weltkrieg” veröffentlicht.

Sieht man Dokumentation, Fotografien, Schriftstücke zu Ereignissen vor dem 20 Jahrhundert an,
so nimmt die Quantität verfügbaren Quellenmaterials sehr schnell ab. Und geht man einige Jahrhunderte
in der Geschichte zurück, so sind es meist einzelne Geschichtsschreiber wie Plinius oder Erasmus, die
aus Einzelinterpretation die Geschehnisse niederschrieben.

Das Fazit 1:
Der Faktor Zeit wird heute in diesem Sinne gegen Null ausgehebelt, da, wie im Beispiel 2,
der Holocaust dauernd präsent ins Bewusstsein gerufen wird. Die eigene Kindheit ist
bereits durch Fotobücher oder mehr noch Smartphones dauernd, trotz verlaufender Zeit,
immer und dauernd in der Hosentasche abrufbar und wiedererlebbar.

Klar kann man sich somit in einer konstant anhaltenden Euphorie durch glückliche Ereignisse
betäuben und von der Realität ablenken lassen. Doch werden Narben schlechter verheilen, da man
sich heute auch dauernd im Mitleid suhlen kann und eine geistige Wundheilung negativer
Geschehnisse nicht abgeschlossen wird. Ganz zu schweigen, unabhängig der emotionalen Wertung
der Ereignisse, kann man sich im Digitalen vor der Realtität verstecken und sich in dieser verlieren,
ohne sich der verfügbaren Zeit in der Natur, im Hier und Jetzt, bewusst zu sein.

Fazit 2:
Weniger Digitalisierung im Privaten führt zu mehr Selbst-Bewusstsein im Leben.

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